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Il Bacio della Medusa – Il Bacio della Medusa

December 31, 2012

2002 gegründet mit dem selbstgestellten Aufgabe, den großartigen Italo-Prog der 70er im neuen Jahrtausend authentisch und würdig fortzusetzen, fühlten sich Il Bacio della Medusa zwei Jahre später zu einem Quintett angewachsen bereit, das hier zu rezensierende Debut-Album aufzunehmen.

Der italienische Prog der 90er und frühen 2000er hatte sich bei allen Reminiszenzen, retrospektiven Elementen und Huldigungen doch ein wenig von den symphonischen Originalen entfernt, teilweise hatte man neuere, schrägere Elemente einfließen lassen, eine Prise moderne Klassik (etwa Finisterre), teilweise hatte man sich soundtechnisch modernisiert, mehr Synthie-Klänge verwendet, mehr digitale Effektspielereien eingesetzt.

Der erste Eindruck stimmt schon mal, das Album kommt in der Tradition der 70er mit skurrilem programmatischem Cover daher und soll wohl teilweise den Inhalt der Songs unterstreichen. Auf der Vorderseite sind Galgen und ein halbes Clownsgesicht abgebildet, das sich beim Wenden in das Konterfei eines Sensenmanns wandelt. Im Inneren liegen sich der Clown und sein morbides Pendent in den Armen und es sieht so aus, als werfe der Clown Würfel in Richtung des Galgens, die sich auf der Vorderseite zu Bällen wandeln.

Was erwartet man also vom zweiten, entscheidenden Eindruck des Debuts einer Band, die sich oben genanntes “Rückführen” zumindest implizit zum Ziel gesetzt hat? Platte raus – Nadel drauf!

Anfängliches Vogelgekreische (sind das die Krähen auf dem Cover unter den Gehängten?) im “Requiem für die zum Tode Verurteilten” mündet in einem Hard-Rock-Riff, Gesang gesellt sich dazu und der zapplige Drummer gibt den Fellen den Rest. Ein bisschen erinnert das an diverse Titel der oben genannten Vertreter der neueren Riege des italienischen Progs, man darf aber auch entfernt an Led Zeppelin und artverwandten Hard-Prog der frühen 70er denken. Der Gesang weiß nicht ganz so zu begeistern wie bei den Klassikern und auf dem Nachfolgealbum; ausdrucksstark ja, aber die Variabilität fehlt. Dafür dürfen sich die Gitarren austoben, auch ruhige Stellen mit Akustikgitarre finden jedoch ihren Platz. Insgesamt klingt das ganze ein klein wenig dünn, nicht allzu dicht, sowohl was Gesang, Komposition als auch und im Besonderen den Sound angeht. Doch das sollte sich wenigstens minimal ändern…

“Orienteoccidente” beginnt mit mystischem Gesang, entwickelt sich zu einem zappligen, vertrackteren Rocker, jazzige Einflüsse, vorallem im Gitarrenspiel, sind nicht von der Hand zu weisen. Unterlegt wird das ganze mit einem Bass, der für den nötigen Groove sorgt, bevor der Track gegen Ende in einer von Stakkato-Riffs dominierten, dadurch aber nicht weniger vertrackten Hard-Prog Nummer mündet.

Der längste Titel des Albums, “Scorticamento Di Marsia” (“Schindung des Marsyas”) ist in vier Teile unterteilt und erzählt die Legende von Marsyas, einem eine “Doppelflöte” spielenden Halbgott der griechischen Mythologie, der Apollon zu einem musikalische Wettkampf “Doppelflöte” vs. Gitarrenvorfahre herausforderte und verlor. Der Wetteinsatz sah vor, dass der Sieger dem Verlierer beliebige Qualen zuteil werden lassen durfte. Apollon bestimmte, dass Marsyas an einen Baum gebunden und ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen werde, eben die Schindung. Vorallem sphärische Klänge, Wind-Synthies, getragenes Akustikgitarrenspiel und, welch Überraschung, eine darüber solierende Querflöte dominieren den Auftakt zum Wettstreit. Der Legende zufolge war zunächst Flötist Marsyas der Überlegene. Jedoch, das Tempo zieht an, Kithar-Spieler Apollon fängt an zu singen, umgesetzt durch typisch-italienischen, expressiven Gesang. Marsyas wehrt sich tapfer gegen die einsetzden Gitarren- und Gesangssalven, verliert jedoch dennoch an Boden und die Geschichte nimmt ihren Lauf, die Reaktion Apollons, auf Band gebannt durch schnelle Gitarrenläufe – eine elegisch-sterbende Flöte versus wütende Gitarren. Die in diesem Stück immer wieder auftauchende und mit der E-Gitarre sich in Stelldicheins ergehende Querflöte gibt dem Soundspektrum der Band einen merklichen Schub, zumal noch Gast-Saxophonist Angelo Petri mitmischt, genau zur richtigen Zeit, gerade wenn der in den Titeln zuvor Gitarren-dominierte Hard-Prog mich ein wenig zu langweilen anfängt…

“Il vino” beginnt mit einer kurzen, entfernt an “Yellow Submarine” erinnernden Kneipenszene, eine Weinflasche wird entkorkt und eine Quetschkomode liefert etwas zigeunerhaft anmutenden Soundtrack. Prima programmatische Musik, ich finde mich einsam und verzweifelt in einer Kellerkneipe, das fast leere Glas vor mir, wieder. Dazu passt auch der teils getragene, traurig klingende, aber auch expressive Gesang, unterbrochen nur von einer elegischen E-Gitarre, bevor das Stück in einem zappligen Schlussteil mündet.

Im folgenden, etwas barock erklingenden “Lied des wandernden Dichters” darf die Flöte wieder, ruhig beginnt das Stück, lyrischer Gesang und E-Gitarren Arpeggios darüber, eine akustische darunter, bevor der Gesang fordernder, intensiver wird, ein prima lyrisches Nebeneinander oben erwähnter Instrumente – schön. Die E-Gitarre kreischt ein bluesiges Solo…fertig.

Der letzte Titel ist anscheindend eine Hommage an den (mir unbekannten) italienischen Lyriker Cecco Angiolieri (1260-1312) und nimmt eines seiner Gedichte zum Hauptthema. Die Band geht hier weniger lyrisch, weniger getragen, weniger melodielastig, dafür umso zappliger zu Werke (unterstützt durch zusätzliche perkussive Elemente) und der sich bisher prima im Gesamtsound integrierende, wenn auch um nichts weniger auffälligere Drummer gibt noch mal Gas. Fast schon angedissonante Duette werden zum besten gegeben, auch ruhigere Passagen gibt es, getragen von Bass, Mandoline und Charango, einem kleinen Zupfinstrument aus Südamerika. Groove en masse per Bass, frickelnde Gitarren und ja, die auf dem Nachfolger viel präsenteren “Tastieri” dürfen zum Abschluss auch mal, quasi als Fingerzeig auf die Ausrichtung des Zweitlings… . Das vielleicht jazzig-proggigste Stück beendet die Platte mit Kirmessamples als allerletztem Ende, gelungen!

Bliebe nun noch ein Fazit zu ziehen. Ich als bekennender Italo-Prog Fan find das Ganze teilweise etwas dünn produziert, auch wenn auf kompositorischer Seite die Menge der verwendeten Instrumente im Laufe der Platte anwächst, es rockt mir ein bisschen zu “platt”, ein wenig mehr Tiefgang hätte nicht geschadet, ein fetterer Sound auch nicht. Aber: was nicht ist wurde noch, in diesem Falle auf dem zweiten Album der Band, die Ansätze sind auf diesem Debut deutlich zu erkennen. Das meiste hat man sicherlich auch schon mal irgendwo so oder ähnlich gehört, dennoch wirkt die Platte in keiner Weise wie ein Plagiat. Eine erfrischende Mischung aus Hard Rock mit einer mittelgroßen Prise Italo-Prog der 70er wird hier vorgelegt, sodass trotz der oben monierten Dünne das Positive überwiegt. Das Album weiß zu gefallen, jedoch nicht aus den Socken zu hauen. Alles in Allem – es macht Spaß, ich ziehe jedoch den Zweitling vor, Daumen auf 10 Uhr!

Eduard Tetzlaff

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