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Swans – The Seer

December 10, 2012

Es gibt Alben, die sind von vornherein als Meisterwerk angelegt. Natürlich kann man das als Band oder Künstler vorher nicht wirklich planen, aber man kann es zumindest darauf anlegen. Größer, vielschichtiger, ausgereifter als alles Vorherige, daran herumschrauben bis es perfekt ist, bis alles rund zusammenpasst. Eine gesunde Portion Größenwahn gehört auch dazu. Oftmals wird dem Werk ein Konzept unterlegt oder es wird aufgrund Überlänge als Doppel-CD veröffentlicht. Ich finde man spürt diese Ambition ein großes Werk machen zu wollen, auch wenn man vielleicht mit der Musik gar nicht zufrieden ist. Tales From Topographic Oceans von Yes, A Pleasant Shade of Gray von Fates Warning sind so Alben, oder Octopus von Amplifier, um ein neueres Beispiel zu nennen. Und wenn es funktioniert, d.h. etwas richtig Großes dabei herauskommt, dann kann man nur sagen: Das ist es, das ist der Höhepunkt des Schaffens.

The Seer von Swans ist so ein Album. Doppel-CD, knapp 120 Minuten lang, nur 11 Stücke. Edle Verpackung, alles sehr schick in Schwarz, und ein Cover mit einem Kopf, der aussieht wie eine Kreuzung aus Mensch und Fuchs (dessen Zähne von Michael Gira sind). „The Seer took 30 years to make. It’s the culmination of every previous Swans album as well as any other music I’ve ever made, been involved in or imagined.“ wurde schon im Vorfeld von Bandchef Gira angekündigt.

Am Anfang steht ein selbstverständlich spannungsgeladenes Intro; eine Einladung auf eine Reise mit dem Schwan durch düstere Klangwelten („Your childhood is over!“). Der Trip beginnt mit maschinenartiger, repetitiver Perkussion und Gitarre, leicht später gesellt sich auch eine Basslinie dazu. Gnadenlos wird das konsequent durchgezogen, angereichert mit allerlei leichten Klängen und Stimmen. Auf einmal stoppt die Maschine, ein kurzer temporeicher postrockartiger Zwischenteil wird eingeschoben und danach klingt Mother of the World recht gemächlich aus. Nach dem kurzen Gesangsstück The Wolf folgt das längste Stück der Platte: über eine halbe Stunde wird der Titeltrack zelebriert; Details siehe oben in der Rezension von Malte. Ich finde aber, das Stück zieht sich an einigen Stellen doch recht lange und kann die Spannung nicht immer halten. Der Seher kommt zwar danach zurück, aber dieses Mal mit ganz anderer Laune: Es wird recht groovig und ausgelassen gerockt. Es folgt eine Klangkollage, die mit „Blues“ nicht viel zu tun hat, und ein Liedchen beendet die erste CD.

 

Karen Os fantastische Stimme trägt das Intro des zweiten Teils und schafft damit wieder Stimmung, die am Ende von CD 1 ein bisschen eingebrochen ist. Mit Avatar folgt das rundeste der längeren Stücke auf The Seer. Hier wird wirklich mal bis zum Ende auf einen Höhepunkt zugesteuert. Wunderbar die Röhrenglocken, die sich durch das ganze Stück ziehen! A Piece of the Sky ist dann wieder recht freiformatig und kollagenartig mit einem sehr lustigen, liedartigen Ende. Zum Schluss wartet auf einen noch einmal ein großer Brocken, The Apostate, das Highlight des Albums! Mit viel Gedröhne werden die Klangteppiche ausgerollt, die Gräber in den Friedhöfen geöffnet (um die Metapher von Malte aufzugreifen) und mit lautem Krach und brachialen Schlägen die Toten geweckt. Die Glocken erklingen wieder und die Party kann losgehen: hypnotisch headbangend versammeln sich die Zombies aus allen Richtungen zu einer Choreographie, mit dem Ziel, aus dem Friedhof auszubrechen. Allerdings fällt der Tanz in ein Durcheinander und noch bevor ein Untoter ausbrechen kann, kommt auch schon das Militär und zerfetzt die ganze Meute im Kugelhagel.

Ein großes Werk ist es geworden, keine Frage. Aber wie schon ein paar Mal angedeutet, wissen Swans nicht immer zu überzeugen. Manches ist zu sehr aus verschiedenen Teilen zusammengeklebt oder einfach zu lange geraten. Das Prinzip der immergleichen Wiederholungen wird oft angewendet, aber selten wird es hypnotisch, wie z.B. bei Can, die hier ab und zu als Einfluss auszumachen sind. Brachial, laut und apokalyptisch ist das meiste auf dem Album. Konsequent und ohne Rücksicht auf Verluste – hier werden keine halben Sachen gemacht. Und das macht The Seer aus.

Es gibt auch eine limitierte Edition mit DVD, auf der verschiedene Mitschnitte von der 2010/2011 Tour zu finden sind. Die Qualität ist meistens ziemlich gut und mit mehreren Kameras aufgenommen. Ausserdem gibt es eine Triple-LP Version, auf der die Tracks anders angeordnet sind als auf der Doppel-CD-Version.

Federico Chavez

From → Swans - The Seer

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