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Jethro Tull’s Ian Anderson – TAAB 2

June 4, 2012

Manchmal stolpert man ja zufällig über Dinge, die einen dann, gelinde gesagt, aus den Socken hauen. So zum Beispiel passiert just vor kurzem: nachdem ich zu einem “Jethro Tull’s Ian Anderson plays Thick as a Brick” betitelten Konzert eingeladen wurde, wollte ich mich im Vorfeld doch noch mal erkundigen, wer da alles so mitspielt – die Originalmitglieder schienen es der Ankündigung nach ja nicht oder nur teilweise zu sein. Also den Rechner angeworfen, die Suchmaschine meines Vertrauens bemüht und bei Durchsicht der Ergebnisse meinen Augen nicht getraut: des öfteren stolperte ich über TAAB Part Two – sollte ich da etwa jahrelang was verpasst haben? Und überhaupt:

Zweiter Teil???

Ja, genau richtig: 40 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten stellt sich Ian Anderson die Frage, was denn nun aus dem damals 8- beziehungsweise 9- beziehungsweise 10- jährigen fiktiven Dichter Gerald Bostock geworden ist. War der erste Teil eine Persiflage auf die schiere Menge von Konzeptalben der frühen 70er, ein ironischer Seitenhieb auf die Tatsache, dass “`Aqualung”‘ im Nachhinein von extern ein Konzept aufoktroyiert wurde und Satiere auf die Frage, was denn nun Progressive Rock sei, so kann der eben erst erschienene zweite Teil (20.3.) als Parodie auf die oben gestellte Frage interpretiert werden. Herr Anderson bietet nämlich natürlich keine finale Antwort, sondern dem Hörer fünf verschiedene mögliche Fortsetzungen des Lebenswegs Gerald Bostocks an – als Banker, als Obdachloser, als Soldat, als Kirchenchormitglied und als “most ordinary man”.

Ein weiterer Ansatz ist, das Konzeptalbum als rückblickende Betrachtung der Geschichte der Hauptband zu interpretieren. Auch hierzu gibt es einige sich aufdrängende Anhaltspunkte – welche gefällig? CD rein und “just push play”!

Gleich zu Anfang springt dem Hörer ein Zitat aus TAAB in die Ohren – genau die Stelle, an der man die LP wenden muss(te). Darauf folgen die typischen Tull-Elemente wie an einer Perlenschnur aneinander gereiht: akustische Gitarre, Midtempo-Stakkato Riffs, die wohlbekannten Melodielinien und Harmonien, die beissende und röhrende Hammondorgel, die charakteristische Stimme und natürlich nicht zuletzt die weltberühmte Querflöte mit Andersons knackiger und wohl einmaliger Anblas-Technik.

Dazu hört der mit dem Tull-Oevre vertraute Hörer eine Anleihe an die Bandgeschichte nach der anderen heraus: ins Ohr stechen “`Locomotive Breath”‘ – Passagen, dazu kommen die an “`A Passion Play”‘ angelehnten gesprochenen Passagen, selbst vor den 80er Platten wird nicht halt gemacht (Wootton Bassett Town) und natürlich, wie oben schon angeführt, die Reminiszenzen an TAAB selbst. Der von Steven Wilson abgemischte Sound reiht sich perfekt in das retrospektive Gesamtbild ein und ist so hübsch back-to-the-70s wie nur vertretbar – sei es die fiese, an Martin Barre erinnernde aber nicht von Martin Barre bediente Gitarre, seien es die analogen Orgelklänge oder sei es Andersons akustische Gitarre. Die Produktion hätte sicher etwas mehr Ecken und Kanten vertragen, insgesamt wäre weniger zahm hier mehr gewesen – aber dieser Umstand ist vielleicht der Altersgemütlichkeit des Hauptverantwortlichen geschuldet, wenngleich auch der Porcupine Tree-Frontmann noch nie für explizit als roh zu bezeichnende Produktionen bekannt war.

Auch an der Musik kann man natürlich Kritik anbringen: beweist Anderson Song für Song seine nach wie vor hervorragenden Songwriter-Qualitäten, so fehlt der Platte doch alles in allem das raue, rohe, energiegeladene Element des ersten Teils. Auch fehlt das Überrauschungsmoment: alle unerwarteten Wendungen sind erwartet und abzusehen, was der Qualität aber keinen Abbruch tut, was vermutlich lediglich heisst, dass der Schreiberling zu viel 70er-Tull gehört hat. Im Gegensatz zu vor vier Dekaden klebt sich Herr Anderson nun das Label “`Progressive Rock”‘, gegen das er sich damals noch gewehrt und als pseudo-elitär bezeichnet hat, selber auf und bezeichnet das Album gar als Konzeptalbum – ein Konzept, was man in seiner äußeren Form schon bei “`Too Old to Rock’n’Roll: Too Young to Die”‘ gesehen hat: relativ kurze Stücke, die alle einen Teil einer Geschichte erzählen, fügen sich nahtlos zusammen und intonieren eine vom ersten Teil relativ unabhänige Geschichte über Kleinigkeiten im Leben, die großen Einfluss auf die Zukunft haben können.

Die grafische Aufmachung und das Drumherum fügen sich konzeptuell dem vom Original abgesteckten Rahmen und transportieren diesen dennoch humoristisch in die Moderne – z.B. ist aus der fiktiven Zeitung “`St. Cleve Chronic”‘ von 1972 zeitgemäß eine Online-Variante geworden (die Homepage gibt es wirklich – www.stcleve.com), deren erste Ausgabe das Cover des vorliegenden Werkes ziert.

Vermutlich könnte man noch jede Menge mehr analysieren, schreiben, Parallelen ziehen, will aber auch niemanden durch epische Texte langweilen, daher nun ein Fazit:

ein gelungenes Album, bei dem sich im Gegensatz zu den aktuellen Veröffentlichungen der ehemaligen Prog-Dinosaurier ausnahmsweise niemand der Lächerlichkeit preis gibt, ein rundes Konzeptalbum, ein melodiöses Werk, das subtil großartig auf die lezten 40 +/- x Jahre Bandgeschichte zurückblickt…ja, man kann sagen, es ist das beste Tull-Album das Jethro Tull in den letzten Jahren nicht aufgenommen hat.

Und allen Kritikern und anderen Berufs-Nörglern sei auf die suggestive Frage “`Braucht TAAB nach 40 Jahren eine Fortsetzung?”‘ entgegengesetzt: “`Braucht es sie nicht? Wirklich nicht?”‘ und in bester Anderson Manier mit den Augen gezwinkert…denn natürlich “`braucht”‘ es sie nicht aber WENN dann bitte genau SO!

Eduard Tetzlaff

3 Comments
  1. Ich finde eigentlich, dass erstaunlich viele “Prog-Dinosaurier” in den letzten Jahren nochmal ganz gute Alben aufgenommen haben. Z.B. klingen die Songs, die ich bisher vom neuen Rush-Album gehört hab, sehr vielversprechend.

    • Hm, ich würde Rush aufgrund einiger Faktoren NICHT zu den Prog-Dinos zählen, z.B.: 1. haben sie die Bühne zu spät betreten und 2. haben sie 1,5 Prog-Alben gemacht (vielleicht auch 2,5) und spielen seither netten Hard-Blues-Rock…
      Mit den peinlichen Auftritten meinte ich vor allem die ELP der letzten 30 Jahre und die Yes der letzten 30 Jahre (was für ein seichtes Fly from here…furchtbar…wie kann Howe das mit gutem Gewissen mitmachen?). Dazu kommen blutleere Platten von z.B. VdGG, was ist mit King Crimson los (oder so wie sie aufgrund von Belew-Eitelkeiten die letzte Platte genannt hatten) (nicht, dass die schlecht wäre, aber halt – nett formuliert – seeeeeeehr entspannt).

      Ach ja, von Genesis mal ganz zu schweigen…

      Gabs noch mehr Dinos, die mir grad nicht einfallen und sich in den letzten Jahren nicht mit Ruhm bekleckert haben?

  2. Ah. Na gut, ich bin erst mal anderer Meinung was Rush angeht; IMO hatten auch die Alben nach Signals noch einen Prog-Einschlag; nur eben im Pop- bzw. Rock-Gewand. Und zu spät? Die “goldene” Zeit des alten Prog war vielleicht ’69-’74, aber Bands wie Rush und Kansas zählen für mich trotzdem zur alten Garde.

    Genesis gibt es nicht mehr (obwohl mir auch die meisten der späteren Alben gefallen, vor allem “Duke”), ELP haben seit “In the Hot Seat” nichts mehr aufgenommen (und schon lange vorher nichts gutes mehr), aber Yes haben trotz einiger Gurken mit “90125”, “Talk”, “The Ladder”, “Keys” und “Magnification” solide Alben veröffentlicht und – ich oute mich als Fan – mit “Fly from Here” ein richtig gutes. Auch wenn Benoit live eine Katastrophe war, aber das ist ein anderes Thema. Peter Gabriel macht zwar keinen reinen Prog mehr, ist dafür aber besser und vor allem interessanter – sowohl was Gesang als auch Songwriting angeht – als er je mit Genesis war (das letzte Album mit den Orchester-Covern würde ich mal ausklammern).

    Das seichte letzte Fripp-Album ist zwar ein “Crimson ProjeKCt”, aber kein offizielles Crimson-Album. Ich könnte mir aber vorstellen, dass da noch was kommt.

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