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Atomic Paracelze – Atomic Paracelze

May 12, 2012

Den südwestlichsten Südwesten der Schweiz mit seiner Metropole Genf als letzer Bastion vor dem nächsten Nachbarland assoziieren klischee-affine Mitmenschen wohl mit Banken, Uhren, Käse oder Schoggi. Der gemeine Progger denkt vermutlich ebenso, eine prog-historisch ähnlich weiss gebliebene Gegend wie die gesamte Schweiz auf einer Übersichtskarte aller EU-Mitgliedsstaaten. Nur bei einigen verrückten Ewiggestrigen zuckt eine Synapse, wenn sie den Namen der ebenfalls in der französisch-sprachigen Schweiz gelegenen Stadt Neuenburg hören. Stimmt, da war doch mal was – richtig, Avant-RIO-Prog verschiedener Formationen wie Debile Menthol und Nimal um Herrn Rossel. Das war Anfang der 80er bis Anfang der 90er doch seitdem blieb es dort bis auf Ausnahmen, für die oft einige Mitglieder aus dem Dunstkreis der vorher genannten Bands verantwortlich sind, prog-technisch doch eher bescheiden ruhig – sind halt nicht so die Charaktere der lauten Töne. Doch halt: eine 5-köpfige Combo schickt sich an, dies zu ändern – ihr Name: “Atomic Paracelze”, ihre Werkzeuge: Vocals, Fender Rhodes, Geige, Bass, Elektronik und Drums – ihre Mission in Form von Selbsteinschätzung: “no-guitar avant rock”.

Doch nun zu eben dieser Scheibe und der darauf enthaltenen…nennen wir es Musik! Einige der Stücke gab es als Rohfassung schon lange auf der schick animierten Website der Band zu hören, so etwa das aus der Feder von Bassist Alexis Hanhart stammende “Atomic Love”. Mit selbigem beginnt auch die irrwitzige Intensitäts-Achterbahn, auf die die Mannen um Sänger Läng den Hörer mitnimmt. Genau 19 Sekunden dauert es, bevor man nach sanften Gesangslinien auf die erste Intensitätsanhöhe katapultiert wird. Trockene Drums, ein jazzig perlender Fender Rhodes, eine verzerrte Geige und natürlich die sich immer wieder in Schrei-Ausbrüchen ergehenden Vocals wechseln sich mit teilweise fast minimalistischen, teilweise beinahe funkigen Passagen ab und unmittelbar drängt sich die Assoziation mit Mike Patton Projekten auf. Doch wo vorher genannte Zwegh um Sänger Läng noch eher an Faith No More anknüpften, steht hier klar der radikalere Output von Herrn Patton wie z.B. Mr. Bungle oder die Melvins im Fokus.

In eine ähnliche Richtung geht das zweite Stück “Havaian disco”. Zu Anfang klingt der Fender Rhodes wie ein Leierkastenmann auf Speed, fast schon eingängig, wenn auch nicht nicht hektisch geht es hier zur Sache, die schräge Geige – und dann immer wieder das zwischen interessant vorgetragene Gesangsmelodien gebrüllte “Disco” vor dem erwarteten wenn nicht gar befürchteten Ausbruch – wie in einem verrücktgewordenen Zirkus zur Geisterstunde – irgendwie unheimlich unwirklich.

Und so geht es weiter, 80er RIO Reminiszenzen wechseln sich ab mit heftigen Ausbrüchen, schiefe Disharmonien mit perlenden, leicht angeschrägten, an Cheer-Accident erinnernden Melodien, elektronische Spielereien mit verzerrten Geräuschen, die von Herr Läng mittels hechelnder Ausstöße in ein bis zum Anschlag in den Rachen eingeführtes Mikrophon erzeugt werden; es gibt verzerrtes Gegrowle, stampfende Rhythmen, Sleepytimeige Passagen, Klezmer Anleihen – interessant ist das und was ich nach erstmaligem Hören kaum für möglich gehalten hätte tritt ein: ich finde die Scheibe nach X-tem Durchlauf eingängig.

Das mag daran liegen, dass die Band trotz aller Verrücktheit und Vielfalt an verschiedenen Einflüssen die Songstruktur nie vernachlässigt – was nicht heissen soll, es gäbe hier Songs mit klassischer Struktur zu hören, was nur heissen soll, dass die Songs als Einheiten funktionieren. Es mag aber auch an den süßlichen Melodiefetzen liegen, die geschickt eingestreut werden und sogar etwas länger im Ohr bleiben.

Und so lässt die Platte den Hörer zwar aufgewühlt aber nicht völlig verstört zurück – nach gut 40 Minuten ist Schluss. Auch die Länge ist also gut gewählt – mehr wäre zu viel gewesen.

Insgesamt somit eine prima Platte, die stimmungstechnisch zwischen oben angeführeten Mike Patton Outputs, Sleepytime Komik und verrückt gewordenen Cheer-Accident liegt. Ein sehr abwechslungsreiches Allerlei einer jungen, wenn auch bis dato nicht ganz unbefleckt gebliebenen Band, von der man vielleicht noch so einige Groß- oder Größertaten erwarten kann!

Das erste Mal von Atomic Paracelze Kenntnis genommen habe ich im November 2007 im Rahmen eines Sleepytime Gorilla Museum Konzerts in einer Garage ihrer Heimat Genf. Der Auftritt war bizzar, aber gut. Die treibende, noisige Musik, angereichert durch jede Menge elektronischer Lärmeffekte, erweitert durch krachige Improvisationen und immer wieder unterbrochen durch fragile Melodien, kurz und knapp also stehts nah am Rande des Wahnsinns, war beeindruckend.

Eine Platte der Band musste her, gabs aber noch nicht – zu wenig Material hiess es. Auch nicht zwei Jahre später, als die Band ein weiteres ihrer relativ raren Konzerte gab, diesmal im FriSon in Fribourg als Vorband von Sebkha Chott und Unexpect (sic!) – wieder bizzar: in einer 1000 Leute fassenden Halle vor gezählten (!) 28 Zuschauern. Die vorliegende Platte sollte dann auch erst weitere zwei Jahre später – mittlerweile war es Sommer 2011 geworden – erscheinen.
Allerdings haben einzelne Mitglieder von Atomic Paracelze in der Zwischenzeit durchaus ihre Spuren innerhalb der lokalen Musikszene hinterlassen – so etwa Antoine Läng, der als Vokalist im Herbst 2010 mit Zwegh schon eine Platte veröffentlicht hat.

Eduard Tetzlaff

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