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Mogwai, Montreux Jazz Festival, 13.07.11

October 28, 2011

Montreux ist Montreux. Auch oder gerade im 45. Jahr. Einzigartig durch Lage, Szenerie, Publikum, Vielfalt an musikalischen Darbietungen und deren Qualität, kurzum, “Montreux sehen und sterben”.
Seit der Gründung 1967, u.a. durch “Funky Claude”, unter Proggern vorallem aufgrund der “herzliSCH Willkommen in Festhalle Bern” – Ansage auf “Bursting Out” von Jethro Tull bekannt, hat das Festival mehrere stilistischen Önungen und Wendungen hinter sich. Der Name lässt auf den Schwerpunkt Jazz schliessen, jedoch wurde dies mehr und mehr ein Anachronismus.
Traten in den Gründerjahren noch vermehrt Acts aus diesem Umfeld auf (u.a. 1967 Charles Lloyd mit Keith Jarrett am Piano, Jan Garbarek, das Jazz Eensemble Des Bayrischen Rundfunks,…), wurden schon zu Anfang der 70er Jahre mit Colosseum, Santana, Deep Purple, Frank Zappa, Nucleus und dem Mahavishnu Orchestra vom reinen Jazz abweichende Bands ins Programm aufgenommen. Auch wurde innert drei Jahren aus einem 3 Tage ein 2Wochen währendes Festival. Heutzutage gibt es eine bunte Mischung aller Musikrichtungen, von Stadium Rock à la Audioslave, über Blues-Headmaster B.B. King, viel Jazz, Weltmusik, Soul und R&B bis zu “History of Rap”-Konzerten ist alles dabei; es gibt “Concerts payant” sowie gratis Konzerte, insbesondere erwähnt sei die Bühne im Park, auf der täglich für lau Nachwuchsmusiker auftreten, es gibt das
Montreux Jazz Cafe, in dem ebenso gratis durchaus interessante Acts auftreten (z.B. dieses Jahr die Figurines), das Montreux Jazz Boat, die Jazz Train – ein Rundumpaket also bei dem der Langeweile aktiv vorgebeugt wird.
Dementsprechend bunt ist auch das Publikum, von parfum-gebadeten 60+ Frauen über alternative Yuppie 30er, böse aussehende Mitte-20-Ewig-im-Grunge-Hängengebliebenen bis hin zu auf den Balkons und an der Promenade abfeiernden lokalen H&M-Gangstern.
Inmitten dieser Mischung war dieses Jahr mal wieder ich, vornehmlich gekommen wegen Mogwai, ja auch ProgRock-ähnliches ist zuweilen vertreten (s.o.), das Line Up sah vorher noch Black Dub und Lamb vor, eine relativ junge Alternative Band und eine Grenzgänger-Band zwischen Jazz, Pop, Drum’n’Bass und vornehmlich TripHop, die zu den Wegbereitern letzteren Genres gezählt wird und die just nach 5 jähriger Abwesenheit ein neues Album veröentlicht hat, betitelt
“5” (der Titel hat angeblich nichts mit der Dauer der Pause zu tun sondern ist rein ein Hinweis darauf, dass es sich um das fünfte Album handelt…).
Über “Black Dub” kann ich nicht viel sagen, das Konzert fand ohne mich statt, geschuldet dem regendurchnässenden Auftritt von Kyasma auf der “Bühne im Regen – ähh Park”. Drei Jungs aus der Schweiz, darunter ein leicht androgyn wirkender Sänger, Keyboarder und Gitarrist, ein Lulatsch von einem Naturholz-Bassisten und ein Drummer, haben gerockt wie Hölle, gesungen wie Matthew Bellamy, gespielt wie Muse, nur irgendwie abwechslungsreicher, besser, FETTer, in hymnische Melodien verliebt aber in groovende Riffs verknallt. Wer also Muse mag, sollte auf diese Jungs ein Auge werfen, eine erste Single ist erschienen, ein Album folgt (www.kyasma.ch).
“Lamb” in der Miles Davis Hall waren hervorragend, haben es geschafft eine durchgängige Stimmung zu erzeugen. Wie immer war von den Gegebenheiten her alles perfekt, der Sound perfekt abgemischt, klar, differenziert, die Videoübertragung vollkommen ohne merklichen Delay. Die Band aus Manchester besteht hauptsächlich aus Andy Barlow, zuständig für Keys, Drums, Beats, Samples und elektronische Sounds, und der bezaubernden Sängerin Lou Rhodes, die auch mal zur Gitarre greift. Mit den beiden stand noch Jon Thorne am Kontrabass auf der Bühne; ein fettes Fundament für die rauchige, manchmal etwas fragile Stimme von Lou Rhodes war seine Mission – accomplished! Musikalisch stelle man sich die Band am besten aus Mischung von Portishead und Massive Attack mit einer Sängerin, die irgendwo zwischen Janis Joplin und Beth Gibbons, jeder Menge Zigaretten und Whiskey schwebt, sanft, intensiv, melancholisch. Dazu kommt der Kontrabass, der der Musik einen monotonen aber nichtsdestoweniger mitreißenden Groove gibt, der das Bauchfell gekonnt zum Vibrieren bringt. Die Beats sind relativ break-lastig, offensichtlich ist kein DJ dabei wie bei Portishead, allgemein ist die Band deutlich mehr im Drum’n’Bass und im Jazz verwurzelt als die vermutlich bekannteren Kollegen. Die Stimmung intim wie meist in Montreux, die Band gab ihr übriges dazu, wäre das perfekte Konzert für Verliebte gewesen, Engtanz à la Simply Red nur um Längen besser…
Mogwai waren Mogwai, eine Band, deren Live-Konzept sich dem Schreibenden bisher nicht immer erschlossen hat, die es auch noch nicht geschat habt, bei einem ihrer Konzerte bei mir eine stimmige, durchgehende Stimmung hervorzurufen, so verschieden sie auch sind, von laut, krachig bis gesangsbehaftet, fast schon poppig. So waren die Befürchtungen auch dieses Mal da, wurden von Stuart Braithwaite und Kollegen jedoch zu Anfang gekonnt zerstreut. Mit “White Noise” und
“Rano Pano” durften zwei Stücke der neusten Platte “Hardcore will never die, but you will” den Anfang machen, bevor als erster der die Befürchtungen bestätigende Track “Travel is dangerous” die sich aufgebaute fast traurige Schönheit durchbrach und für einen ersten Bruch sorgte. Dies Intermezzo hielt allerdings nicht lang an, “I’m Jim Morrison, I’m dead” setzte dem Spuk ein Ende. Das folgende “How to be a Werewolf”, auch ein Stück von der neusten Platte, mit flirrenden, Post-Rock typischen Gitarren und monotonem, erstaunlich präsentem Drumming, schwillt über eben diesen Drums immer mehr an, bevor es wieder in sich zusammenfällt. Apropos monoton, Stuart Braithwaite, der einzige der Truppe, der sich zwischen den Songs zu Wort gemeldet hat, tat dies auch relativ gleichförmig, mehr als ein immer gleiches “Merci Beaucoup, thank you”
brachte er nicht über seine Lippen. Er war allerdings der einzige der ganzen Mannschaft, der irgendwie Spaß zu haben schien, zumindest der einzige, der dies zeigte; die übrigen waren wie festgefroren.
So ging es weiter: Mit “Death Rays” und “Killing all the Flies” wurden wieder typische Post-Rock Songs dargeboten, bevor “San Pedro” die Atmosphäre wieder in irdischere Bahnen lenkte, allerdings knapp um ein Grounding herumkam, Abwechslung muss sein… Das folgende “You’re Lionel Richie” erzeugte durch seine Slow-Motion Riffs dafür wieder ordentlich Stimmung zwischen schottischer Hochland-Melancholie und isländischer Vulkan-Schönheit, “Auto Rock” passte auch, bevor “Mexican Grand Prix” wieder wirkte wie gefrorene Torten auf Hochzeiten. Der Abschluss war nichtsdestotrotz versöhnlich, “You don’t know Jesus” und, wie es sein musste, der beste Song des Abends mit einer fetten Explosion (man schaue sich auch das Rockpalast Video an), “Mogwai fear Satan” vom Debut zum Schluss (Mogwai ist übrigens chinesisch und bedeutet so viel wie Satan).
Danach war der Auftritt vorbei, keine Zugabe gab es. Die Lichter gingen an, es war auch schon gegen halb 2, die letzten noch verbliebenen Gäste gingen nach Hause. Aus der Miles Davis Hall ausgetreten wurde man von Old-School HipHop und Jacko aus dem Jazz Cafe empfangen – das ist Montreux, das ist Vielfalt, das ist einzigartig! Es war mal wieder umwerfend, trotz allem Regen, merci beaucoup Montreux, merci beaucoup Funky Claude und bis nächstes Jahr!

Eduard Tetzlaff

From → Concerts

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