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A Perfect Circle – 13th Step

October 28, 2011

Um an die Rezi des Vorgängeralbums “Mer De Noms” anzuknüpfen, einige Gedanken dazu zu äußern, sei folgender Rezi folgendes leicht abgeändertes Zitat vorrausgeschickt: Ich sage es gleich vorweg – ich mag Tool besonders, und das liegt auch am Gesang von Maynard James Keenan.

Damit wir uns richtig verstehen: A Perfect Circle ist NICHT Tool, was sich schon dadurch zeigt, dass bei APC just EINER der Mannen von Tool vertreten ist, und zwar eben Maynard James Keenan. Deswegen sollte ich so wenig als möglich auf Vergleiche mit letzterer Hauptband zurückgreifen, selbst wenn sie sich anbieten sollten.

Im Vergleich zum Debut hat sich personell einiges getan, so wurde Sessiondrummer Josh Freese festes Bandmitglied, Paz Lenchantin verließ die Band um sich dem mittlerweile gescheiterten Projekt “Zwan” von Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan anzuschließen. Auch kam für Troy Van Leeuwen an der zweiten Gitarre James Iha von eben jenen Smashing Pumpkins und als Basser stieß der aus Marilyn Mansons Band ausgeschiedene Jeordie White dazu (James Iha kam allerdings zu spät zum auf der Platte eine Rolle zu spielen).

Das Cover spricht schon eine klare Sprache, keine Hämmer oder Schwerter oder Blitze die auf Metal schließen ließen, eine Bananenschnecke statt dessen, die auf dem Gesicht einer sehr blonden Frau herumkriecht. Die Vermutung, Herr Keenan und die übrigen Bandmitglieder möchten uns damit etwas mitteilen liegt nahe, spielt zumindest bei anderen Projekten mit Beteiligung des Sängers (Tool, Puscifer) die Symbolik eine nicht unbedeutende Rolle. Daher sei ein Ausflug ins Reich der Schnecken-Zoologie gestattet: die Gattung der Bananenschnecken teilt sich grob in drei Untergattungen, die verbreitetste wird 25 cm lang, die zweitverbreitetste 20 cm, verhältnismäßig zu lang verglichen mit dem Exemplar auf dem Cover. Die nur um Santa Cruz vorkommende Ariolimax dolichophallus wird bis zu 15 cm lang – das hingegen passt ungefähr. Hat diese Schnecke Superpower? Hat sie! Ihr Penis wird doppelt so lang wie ihr Körper – Weltrekord – und nach der Paarung kann der Penis manchmal nicht mehr befreit werden und wird abgekaut…die Interpretation sei jedem selbst überlassen, dennoch folgendes zur Einheit von Cover und Titel und Symbolik gesagt: bei den Anonymen Alkoholikern in den USA gibt es ein 12-Punkte Programm um clean zu werden. Der Term “thirteenth-stepping” ist ein verbreiteter Euphemismus und bezieht sich auf Mitglieder der Annonymen Alkoholiker, die sich neuen Mitgliedern mit tendenziell geringerem Selbstvertrauen annähern um Geschlechtsverkehr klar zu machen (50% der weiblichen Mitglieder der Annonymen Alkoholiker haben einer Umfrage zufolge solches Verhalten schon erlebt!). Schaut man sich das Cover nun noch mal an, versteht man es; hört man mit diesem Hintergrundwissen auf die Texte, z.B. in “The Package”, versteht man sie.

Nun zur Musik, genug der Worte über vermeintlich Nebensächliches. Wie schon eingangs erwähnt, sollte man sich befreien von Erwartungen an ein Tool Sideproject, man würde enttäuscht werden. Auch vom Vorgänger sollte man sich nicht irreführen lassen. Das ganze Projekt ist klar mehr im Alternative Rock verwurzelt, weniger im Prog Metal bzw. im Prog überhaupt. Was nicht heißen soll, es wäre nicht progressiv oder gar uninteressant!

Der Opener “The Package” beginnt mit minimalistischen Gitarrenklängen und einem neben die Felle und auf Metal schlagenden Schlagzeug. Ein im Subbereich brummender Bass setzt ein, ein bisschen erinnert das von der Struktur her an Eulogy. Der leicht traurig-gequälte, sehnsüchtige, melancholische Gesang gibt dem Stück das übrige, wird fordernder; die Intensität steigert sich, fällt wieder ab, zieht sich hin, schwillt wieder an, zerreißt innerlich; bevor – PAM PAM PAM PAM – sehr effektvoll eine Explosion stattfindet und ein sattes Riff einsetzt. Darüber gibt es fast post-rockig flirrende Gitarren. Die Produktion setzt das wunderbar in Szene, da waren Profis am Werk. Das Stück fällt wieder in sich zusammen, mündet in den minimalistischen Klängen des Anfangs, bis die Zeilen “I take what’s mine – this is mine” – geflüstert – den Schluss bilden.

Nach diesem Ausrufezeichen versteht man auch das von mir aus dem Kontext gerissen nicht verstandene folgende Stück. “Weak and Powerless” ist iessender, scheinbar geradlinig, dennoch subtil klaustrophobisch. Schon bei diesem zweiten Titel zeigt sich die Wandlungsfähigkeit und Abwechslungsreichtum der Band. Vorallem der Refrain ist beinahe catchy, beinahe zum Mitsingen geeignet, nichtsdestotrotz mit angezogener Handbremse vorgetragen, die sich auch nie wirklich lösen will.

Im folgenden, ruhig beginnenden “The Noose” zeigt sich das dritte Gesicht der Band, das ruhige, intime. Es fällt vor allem der Gesang auf, der eben diese intime Grundstimmung hervorruft. Dazu plingt ein Bass, der stellenweise wie eine Gitarre klingt. Wird es lauter, so lächelt Keenan in eine triste Trümmerwüste und umarmt mit bittersüßen Melodien die Welt. Stimmungsmäßig erinnert das entfernt an The Cure der frühen 80er.

So geht es weiter, “Blue” klingt ähnlich wie “Weak and Powerless”, ist ebenso fließend, wartet aber mit unverhohlen lyrischem Chorus – das vielleicht schwächste Stück der Platte, das zwar verheißungsvoll beginnt, dann aber in die Belanglosigkeit abflaut.

“The Stranger” ist wunderschön melancholisch, die gesammte Stimmung ist erzeugt von der Stimme, dazu eine Akustik-Gitarre, Synthie-Geigen, das reicht. In der nach “Weak and Powerless” zweiten Singelauskopplung “The Outsider” geht es wieder etwas lauter, fordernder zur Sache. Das wird dem Hörer von Anfang an durch treibende Drums und Gitarren klar gemacht. Wenn die Gitarre zu den voller gehässiger Inbrunst vorgetragenen Textzeilen “medicated – drama queen […]” ein schneidendes Riff zum Besten gibt, erwacht auch der letzte die Intimität der vergangenen Lieder als langweilig empndende Hörer wieder. Momente dieser Art sind allerdings und zum Glück sehr kurz; zum Glück, da sie so einzigartig und allein stehen und die Scheibe durch eben diese Kürze homogen lässt, selbst wenn es auch an anderen Stellen mal laut wird. Zum Inhalt sagte Herr Keenan übrigens “I had a friend who had some chemical problems. I ended up meeting his brother and his brother was so out of touch with what he was going through….so this song is kinda sung through the perspective of the brother who doesn’t understand what his loved one is going through and in a way has no compassion for what he is going through…this song is called the outsider because that brother is standing on the outside of a understanding and doesn’t get it. This song is from the perspective of someone who is ignorant and doesn’t have the time or patience to understand what their loved one is going through.”

“The Nurse who loved me” ist ein Cover der leider viel zu wenig beachteten 90er Post-Grunge Band “Failure”, in der, man höre und staune, der scheidende Troy Van Leeuwen Gitarre spielte. Trotzdem er auf einigen Liedern des Albums noch zu hören ist, ist er bei diesem nicht beteiligt. Das Original von “Failure” ist großartig, erinnert sehr an Bands wie Bush oder ähnliche Alternative-Helden dieser Zeit, ist fett produziert, rockt (in SloMo), ist reich intrumentiert und durchsetzt, wie viele Songs der Band, von elektronischen Gimmicks. Das dargebotene Cover ist ein, ausgenommen vielleicht die Stimmung, konträres Kontrastprogramm zum Original. Es ist sehr spärlich instrumentiert, der sehr intensive Gesang wird nur durch Synthie-Geigen, die eine melancholische und traurige Stimmung hervorrufen, und zurückhaltenden Soundspielereien unterlegt. Sehr gelungen und wie Picasso schon sagte: “Bad artists copy, good artists steal.”

Kaum klingen die Geigen aus: Willkommen auf der anderen Seite des Spektrums, es wird zum ersten Mal wirklich laut – was ein Übergang. “Pet” begrüßt mit einen Industrial-Riff, irgendwer in der Band scheint schon mal Nine Inch Nails gehört zu haben. Dennoch wird kein Mü von der bisherigen Gangart des Albums abgewichen, selbst Industrial hat Platz im Gesamtbild.

Das abschließende “Gravity” macht dort weiter, wo man vorher bei “The Noose” oder “Vanishing” aufgehört hatte, sanft und fließend wird die Platte zu Ende geführt, durch sphärische Klänge wird der Hörer von der Band in die Weiten des Alls entführt, schwebt schwerelos durch den intergalaktischen Staub und bekommt den Satz “I choose to live” mit auf den Weg, während die Klänge in den unendlichen Weiten verschwinden.

Mit “Thirteenth Step” ist APC ein sehr rundes, von Intensität, Emotionalität und meist Melancholie geprägtes musikalisches Wechselbad der Gefühle gelungen. Die Stärke der Band ist es, trotz aller virtuosen Komposition verschiedener Stilmittel ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen; intimste Momente und unmittelbar darauf folgenden Industrial-Riffs verschmelzen zu einem Ganzen.Herr Keenan, der vordergründig präsenteste des Kollektivs, fügt sich ein, Billy Howerdels subtile Genialität im Songwriting fällt ebenso erst bei zweitem Hinhören auf wie die überaus gelungene Produktion, sprich, eine Platte einer “Supergroup” mit Mitgliedern auf Augenhöhe, die niemandem etwas und sich nichts mehr beweisen müssen.

Es wird sicher kritische Stimmen geben, die APC, wie auch Tool (in erschreckendem Maße), die Proggyness absprechen wollen. Diese haben nicht ganz Unrecht, reiner Prog, als Genre betrachtet, ist das sicher nicht, progressiv im wortwörtlichen Sinn, als fortschrittlich, dennoch. Außer an einigen Stellen Tool, fällt mir nichts vergleichbares ein, mal von der Stimmung her The Cure, wobei auch das einigermaßen weit hergeholt ist.

Ich habe das Album als es veröffentlicht wurde beim ersten Durchlauf nicht verstanden, fand es belanglos bis langweilig. Diese Meinung hat sich maßgeblich und um 179° gewandelt, eine prima Platte für einen verregneten Sommer, eine prima Platte den Herbst beginnen zu lassen, eine prima Platte insgesamt.

Eduard Tetzlaff

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